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CfP: Reisen und Religion im (langen) 18. Jahrhundert, Halle, 28.08.-01.09.2022
CfP Reisen und Religion_Halle Saale 28.08.–01.09.2022.pdf (148,9 KB)  vom 26.10.2020

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VI. Internationaler Kongress für Pietismusforschung "Reisen und Religion im (langen) 18. Jahrhundert", Halle, 28.08.-01.09.2022

CfP: DEADLINE 20.01.2021

Reisen und Religion im (langen) 18. Jahrhundert, VI. Internationaler Kongress für Pietismusforschung,

Halle/Saale, 28. August – 1. September 2022

veranstaltet vom Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung

der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

in Zusammenarbeit mit der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus und den Franckeschen Stiftungen zu Halle/Saale

Der VI. Internationale Kongress für Pietismusforschung hat sich als interdisziplinäre Tagung einer umfassenden Perspektivierung der komplexen Zusammenhänge von Reisen und Religion im langen 18. Jahrhundert verschrieben. Um das weite Feld des frühneuzeitlichen Reisens nach den hier angerissenen Maßgaben zu differenzieren und zu strukturieren, bieten sich folgende Aspekte an, die Schnittmengen ebenso wie Unterschiede von und in den Reisekulturen des 17. bis 19. Jahrhunderts herausstellen können.

1. Reisen und Globalität

Gereist sind in der Frühen Neuzeit keineswegs nur die europäischen Eliten. Reisen war ein globales Phänomen – kulturell, sozial und wirtschaftlich. Europa war nicht nur Ausgangspunkt für Reisen von Europäern und Europäerinnen in die ihnen teils schon bekannte, teils noch unbekannte Welt. Europa war in umgekehrter Richtung auch Ziel von Reisen und Reisenden aus der nicht-europäischen Welt. Insofern wird bei dem folgenden Versuch, das weite Feld des Reisens in der Frühen Neuzeit an der Schwelle zur Moderne genauer zu strukturieren, eine globale Perspektive auf den Gegenstand eingenommen. Der zeitliche Fokus liegt auf dem „langen“ 18. Jahrhundert.

2. Reisen und Religion

Der sichernden Rahmung für das große Thema Reisen dient hier das Thema Religion. Religion kann als eine Art welt-anschauliche Untersetzung, als Deutungsrahmen oder als Motivationsquelle für das Reisen verstanden werden, sie kann aber auch selbst das Transferobjekt des Reisens bilden. Religion kann sowohl den raum-zeitlichen als auch den intentionalen Ausgangs- und Zielhorizont des Reisens bestimmen, von dem aus bzw. auf den hin die Reisen in den oben angedeuteten Richtungen von und nach Europa entworfen und unternommen wurden. Sie kann Motive, Ursachen, Anlässe für das Reisen ebenso betreffen wie dessen Ziele, Zwecke und Absichten, deren Planung und tatsächliche Ausführung, deren Erfolg oder auch deren Scheitern. Allemal, ob nach Außen in die Welt oder nach Innen in Herz und Hirn gereist wurde, handelte es sich, betrachtet mit dem Blick der historischen Akteure, um Reisen durch die Schöpfung in ihren mikro- und makrokosmischen Dimensionen. Die eigene Religion wurde als Reisegepäck mitgenommen, sie wurde transportiert, übergestülpt, neu bestimmt. Die bereiste Religion war dabei Anreiz, Bestätigung oder Negativfolie.

3. Reisen, Frömmigkeit und Pietismus

Als eine auf dem Feld Religion und Reise in der Frühen Neuzeit orientierende Größe soll hier der Pietismus fungieren. Von Pietismus kann nur vorbehaltlich und definitorisch voraussetzungsreich die Rede sein. Gleichwohl wird der Gebrauch des Begriffs durch seine identitätsbildende, d.h. ausgrenzende oder zurechnende, Funktion in der polyvalenten Verwendung bei den historischen Akteuren legitimiert. Eine Begrenzung auf pietistische Reisen oder pietistische Reisende ist freilich nicht beabsichtigt, wohl aber auf Reisen, die der Religion und dem Religiösen verbunden sind. Insbesondere in den historisch und regional-territorial differenten Ausprägungen des Pietismus sind eschatologische Motive mit Mission und Verbreitung der eigenen christlichen Gruppenidentitäten verbunden, mit weit wirkenden Folgen über das 19. Jahrhundert hinaus. Können demnach Spezifika „pietistischer Reisen“ im unterscheidenden Vergleich mit anderen Reisen im Feld der Religion und des Religiösen beschrieben werden?

4. Logistik – Personennetze, Schiffs- und Straßenverbindungen, Fortbewegung

Das Reisen, ob zu Fuß, zu Pferd oder Schiff, war ein mitunter abenteuerliches Unterfangen, oft auch ohne Wiederkehr und Ankunft. Von A nach Z zu reisen, über Umwege nach und mit Zwischenstationen in B bis Y, um schließlich auch tatsächlich in Z anzukommen und nicht schon in Q hängen zu bleiben, verlangte hohen logistischen Aufwand, planerische Weitsicht und zielgenaue Vorausschau. Reisen in fremde Räume und in deren Eigenzeiten mussten in der Regel minutiös vorbereitet sein. Von Vorteil war es, auf ein Netzwerk zurückgreifen zu können oder im Vollzug des Reisens ein solches aufzubauen und fortan für den Wiederholungsfall zu stabilisieren. Ein sicheres Straßen- und Wegenetz, wetter- und klimakundliche Kenntnisse und Schutzbriefe konnten wesentlich zum Gelingen und zum Erfolg einer Reise beitragen.

5. Vorbereitung – Bücher, Karten, Sprachen, Fremdenführer

Wer reisen wollte, musste, wenn er oder sie nicht aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte, sich nach Möglichkeit und Angebot belesen, unbedingt mit Karten versehen, vielleicht entsprechende Fremdsprachenkenntnisse oder einen kundigen Reise(beg)leiter zur Hand haben. Reisende verfügten schon vor der Abreise über ein Wissen um die Zielorte, Zielkulturen und Zwischenstationen, das dann in der realen Begegnung bestätigt, modifiziert oder fallengelassen wurde. Dieses Wissen prägte und veränderte die Identität der Reisenden und der bereisten Kultur(en) und Religion(en). Es wurde auf vielfältige Weise in die Konstruktionen des Eigenen und des Anderen eingeschrieben.

6. Reisealltag zwischen Routine und Überraschung

Wer reist, ist unterwegs und nicht zuhause. Reisen im Vollzug bildet einen in der Zeit offenen, fluiden Raum von besonderer Alltäglichkeit aus, worin Selbstverständlichkeiten und Routinisierung von immer neuen Herausforderungen in Form von Begegnungen der unterschiedlichsten, oft unvorhersehbaren Art unterlaufen werden: mit Menschen, Tieren, Pflanzen, Landschaften und Klimata, die ganz unterschiedliche Welt- und Selbstwahrnehmungen generieren und je spezifische kognitive, emotionale, leiblich-physiologische Reaktionen und Verhaltensweisen mit sich bringen. Dieser ‚heterotopische‘ Alltag als Mischung von Stetigkeit und Plötzlichkeit, von Vertrautem und Überraschendem, der die Selbsterfahrung der Globalisierung in Körperpraktiken übersetzte und als ästhetischen Genuss, aber auch als abschreckende Fremdheitserfahrung evozierte, birgt ein spezifisches Repertoire von Fragen in sich.

7. Wunschreisen, Auftragsreisen, Zwangsreisen

Reisen wurden auch im (langen) 18 Jahrhundert nicht immer freiwillig unternommen, sondern mussten oft genug auch unfreiwillig und überstürzt, ohne Vorbereitung, von jetzt auf gleich oder unter gewaltsamen Umständen angetreten werden. Die Spanne von Reisen mit unterschiedlichen Intentionen, Ambitionen und Kontexte ist entsprechend groß: Sie reicht von der Bildungsreise, der Grand Tour, über die Geschäfts- oder Handelsreise, die Missionsreise, die Wall- oder Pilgerfahrt, die Forschungs- und Entdeckungsreise, über Flucht und Emigration als überlebensnotwendiger Reaktion auf Vertreibung aus politischen und religiösen Gründen und bis zur Zwangsreise in Sklaverei oder Kriegsgefangenschaft.

8. Wirkliche Reisen und ausgedachte Reisen

Um das Untersuchungsfeld für das Reisen offenzuhalten, soll es nicht allein um Reisen durch wirkliche Räume und in die Realzeiten historischer Gegenwarten gehen. Angesprochen sind ebenso Reisen durch unwirkliche Räume der Imagination und durch insofern unwirkliche Zeiten, als es sich um Reisen in Vergangenheiten und in Zukünfte handelt, welche die Reisenden nicht am eigenen Leib erfahren haben – auch wenn es vielleicht so behauptet wurde. Es geht also um tatsächliche Reisen hinaus in die Welt und voraus an das eigene Lebensende sowie um ausgedachte Reisen, die nie stattgefunden haben, und es geht um Reisen ins Innere und im Inneren des Menschen, um Reisen also im Medium von Meditation oder Introspektion, die nicht tatsächliche oder imaginierte äußere Welten aufschließen, sondern der Selbstentdeckung dienen und mit der Konstruktion der eigenen auch eine andere, ‚fremde‘ Identität und Kultur evozieren. Solche Reiseberichte gehörten oft zum Gepäck wirklicher Reisender und prägten effektiv deren Reiseerfahrung.

9. Reisen mit, durch, im und zum Text

Über den Zusammenhang von Reisen und Religion im (langen) 18. Jahrhundert ist nur auf der Grundlage von Texten und Objekten zu reden. Man kann vielleicht so weit gehen, zu sagen, dass Texte das Reisen von Anbeginn begleitet haben bzw. ihm vorausgegangen sind, und zwar nicht zuallererst in der Verwertungsperspektive der Mit- und Nachbereitung, z.B. in formalisierten Ratschlägen und Informationen für Nach-Reisende, sondern zunächst bei der Reiseplanung. Die Bestimmung des Ziels, des Weges, der Art und Weise des Reisens mögen textlich vermittelt und orientiert gewesen sein. Später, im Verlauf oder nach Abschluss der Reise, sind die entsprechenden textuellen Aufbereitungen und möglicherweise auch Erfindungen dazugekommen. Diese in Sorte und Gattung ganz unterschiedlichen Texte sind nicht nur auf ihre Inhalte hin zu befragen, z.B. daraufhin, welches naturkundliche oder kulturgeschichtliche Wissen über die Fremde sie bergen und vermitteln oder formen, damit die Fremde vertraut, vielleicht eine neue Heimat und in diesem Sinne Besitz von ihr ergriffen werde. Diese Texte sind ebenso auf ihre narrativen Strategien hin zu betrachten, auf den jeweiligen Zuschnitt des Berichteten und Erzählten, die jeweiligen Adressaten und die dem Text eingeschriebenen Intentionen. Dabei mag es sich um expositorische oder um fiktionale Texte oder um Mischformen und Hybride handeln. Das gilt selbstverständlich auch für die imaginären und für die Reisen nach Innen. Die Spanne der interessierenden Texte reicht vom Tagebuch und Brief bis zum Reiseroman. Auch das Darstellungs- und ‚Erfindungs‘-Medium der Bildenden Kunst soll in unterschiedlichen Spielarten von der dokumentierenden Illustration bis zur phantastischen Imagination berücksichtigt werden.

10. Materialität des Reisens – Dinge auf Reisen

Die Dinge und die Materialität des Reisens sind schon in der Kutsche oder dem Schiff greifbar, die Personen an reale Orte führte oder führen sollte. Wie, in welchem Umfang, wozu und in welcher Struktur sich die Religion in die Medien des Reisens eingeschrieben hat, ist ebenso zu fragen wie nach den Mediatoren und Translokatoren, den Handelsgesellschaften, Zollstationen und unterschiedlichen Herrschaftsgebieten, die das Reisen ermöglichten oder auch verhinderten, die ihm seine territoriale und hegemoniale Prägung verliehen. Die Materialität des Reisens findet ihren augenscheinlichsten Niederschlag in den Objekten, in den Waren und Handelsgütern ebenso wie in Erinnerungsstücken, religiösen Symbolen, in den Kollektionen fremder Tiere und Pflanzen, die eine unbekannte Seite der göttlichen Schöpfung offenbaren, aber auch dazu dienen konnten, eine kulturelle Differenz zu bezeugen und herzustellen, um diese entweder durch gleichberechtigen Austausch oder durch Gewalt und Dominanz zu überbrücken. Materielle Objekte stehen wie Texte für kulturelle und religiöse Hybridisierung und Wissenstransfer.

Die im Folgenden als Fragen formulierten Gliederungspunkte sind ergänzungsbedürftig und mit weiteren Stichworten aufzufüllen und zu arrondieren. Die Menge an Literatur gerade zum Reisen in der Frühen Neuzeit, als das Reisen in Konzeptualisierung und Praxis weitreichende Wahrnehmung und Ausdifferenzierung erfuhr, ist gewaltig. Bei der folgenden Listung sind stets die Reise nach Innen und die Reise im Außen mitgemeint. Es können auch ohne physische Bewegung im Raum gewaltige Räume im Eiltempo der Imagination durchmessen und Wege nach Innen bis hin zur „Höllenfahrt der Selbsterkenntnis“ beschritten werden:

  1. Reisen und Globalität: Wer reiste? – Ämter und Aufgaben, Rollen und Funktionen, Berufung und Berufe
  2. Reisen und Religion: Transport des Eigenen in das Fremde und umgekehrt. – Wie änderten sich Konstruktionen des Eigenen und des Anderen/Fremden durch Reise-Erfahrung? Wie war das Verhältnis von gelehrtem Wissen vor, bei und nach den Reisen? Welche produktive Rolle wurde dabei Machtverhältnissen zuteil? Änderte sich die Religion des Eigenen und des Fremden durch Reisen? Auf welche Weise wurde das Fremde zum Eigenen?
  3. Reisen, Frömmigkeit und Pietismus: Unterschied sich pietistisches Reisen vom Reisen anderer Frommen im religiösen Feld, worin und wodurch, etwa durch die Akquirierung und die Verschickung von (zukünftigen) Ehefrauen für die Missionare, durch die kombinierte Lieferung von Medikamenten und Erbauungsbüchern, das Interesse für indigene Medizin und Pharmaka sowie überhaupt naturkundliches Interesse?
  4. Logistik – Personennetze, Schiffs- und Straßenverbindungen, Fortbewegung: Wie gestaltete sich und wurde das Reisen zu Fuß, mit vier Läufen, mit zwei oder vier Rädern, mit Segel oder mittels der Imagination, der Phantasie oder Einbildungskraft reflektiert?
  5. Vorbereitung – Bücher, Karten, Sprachen, Fremdenführer: Was brauchte es zum Reisen? – Fremdsprachenkenntnisse, Reiseaccessoires, Reiseausrüstung, medizinisch-medikamentöse Versorgung, Waffen, Nahrung für Leib und Seele, Literatur zur inneren und zur äußeren Orientierung von der Bibel, der Meditationsanleitung und dem Erbauungsbuch bis zu apodemischer Unterrichtung und erfahrenen Reiseführern aus Papier oder aus Fleisch und Blut
  6. Reisealltag zwischen Routine und Überraschung: Was konnte vom Alltag zuhause auf die Reise mitgenommen werden und inwiefern bildete das Reisen einen eigenen Alltag bzw. eine eigene Alltäglichkeit mit spezifischen Praktiken aus?
  7. Wunschreisen, Auftragsreisen, Zwangsreisen: Welche Anlässe konnten Reisen haben? Freiwillig – Missionsauftrag, Forschungsinteresse, Entdeckungslust, Pilgerfahrt, Wallfahrt, Bildungshunger, Vergnügen; unfreiwillig – Vertreibung, Flucht, Erwerbslosigkeit, Sklaverei; freiwillig-unfreiwillig – Initiationsreise
  8. Wirkliche Reisen und ausgedachte Reisen: Wohin wurde gereist? – Ins Innere des Menschen, ins Äußere der Welt, durch Raum und Zeit, durch Himmel und Hölle, in die Vergangenheit, durch die Gegenwart, in die Zukunft, ins eigene Innere und in den Tod
  9. Reisen mit, durch, im und zum Text: ‚Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!‘ – Tagebuch, Brief, Bericht, Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel sowie Erzählung und Roman, aber auch Skizze, Zeichnung, Aquarell oder Gemälde
  10. Materialität des Reisens – Dinge auf Reisen: Was bleibt vom Reisen? – Erinnerungsstücke, Überbleibsel, Mitbringsel, Souvenir, Sammlungsstücke und Auftragserwerbungen, künstlerische Darstellungen und wissenschaftliche Dokumentationen und Zeugnisse

Kongresssprachen sind Deutsch und Englisch.

Ihre Bewerbung mit einem Abstract im Umfang von 1.000 bis 1.500 Zeichen plus Kurzvita senden Sie bitte bis zum 20. Januar 2021 an:

Annegret Jummrich

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Interdisziplinäres Zentrum für Pietismusforschung

06099 Halle/Saale

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