Plakat Vertrauen

Weiteres

Login für Redakteure

IZP-IZEA Vortragsreihe "Vertrauen: Sicherheit im Ungewissen?"

Vertrauen: Sicherheit im Ungewissen?
Funktionen einer sozialen Ressource


Eine Veranstaltungsreihe des IZP und des IZEA

Organisation und wissenschaftliche Leitung: Dr. Frank Grunert, Dr. Diethard Sawicki

Unter den  sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen der  Moderne wird seit der Frühen Neuzeit die Erosion traditioneller  Garantien für soziale Stabilität sichtbar und erfahrbar. Die Erfahrung  von Differenz und Konkurrenz und damit von Kontingenz führt zu der  Einsicht in die Gefährdungen, die aus der zunehmenden, Unsicherheiten  hervorbringenden Komplexität sozialer Beziehungen resultieren. Damit  geht die Gewissheit einher, in wachsendem Maße selbst für das eigene  Handeln und dessen Erfolg verantwortlich zu sein. Die normativen  Anstrengungen des 17. und 18. Jahrhunderts – etwa im Bereich von Recht  und Moral, aber auch in Pädagogik, Ökonomie, bei der Herausbildung  sozialer Institutionen sowie bei der Etablierung verlässlicher  Wissensordnungen – lassen sich als Versuche verstehen, diesen  Unsicherheiten zu begegnen.

Als eine  soziale Schlüsselkategorie erweist sich dabei das Vertrauen: jenes  Einverständnis, das Handeln unter Bedingungen von Unsicherheit erst  ermöglicht. Vertrauen fungiert als ein „Mechanismus der Reduktion  sozialer Komplexität“ (N. Luhmann) und wird bereits in der Frühneuzeit  ausdrücklich reflektiert, nicht zuletzt in zeitgenössischen  Nachschlagewerken wie denen von Walch oder Zedler. Vertrauen ist dabei  keine rein individuelle Haltung, sondern wird durch soziale  Übereinkünfte und institutionelle Arrangements – etwa Versprechen, Eide  oder andere Verfahren der Verlässlichkeitssicherung – erzeugt,  stabilisiert oder auch begrenzt. Zugleich bildet es eine zentrale  Voraussetzung ökonomischen Handelns, das auf Kredit, Reputation und  Zukunftserwartungen angewiesen ist.

Eine  besondere Rolle spielt Vertrauen zudem im religiösen Feld. In  frömmigkeitsgeschichtlicher und theologischer Perspektive prägt es das  Verhältnis der Gläubigen zu ihren Geistlichen, etwa in der Beichte, in  der fiducia sowohl personales Vertrauen als auch Gottvertrauen  bezeichnet. Umgekehrt ist das Vertrauen der Geistlichen in die religiöse  und moralische Verlässlichkeit ihrer Gemeinden Voraussetzung  kirchlicher Ordnung. Vertrauen ist hier nicht zuletzt eine emotionale  Kategorie, die erfahren, kommuniziert und auch enttäuscht werden kann.

Die  Vortragsreihe von IZP und IZEA im Sommersemester 2026 nimmt Vertrauen  als historisch wandelbare Kategorie in den Blick und reflektiert es  interdisziplinär in seinen rechtlichen, ökonomischen,  frömmigkeitsgeschichtlich-theologischen und emotionsgeschichtlichen  Dimensionen von der Frühen Neuzeit bis in die Moderne.

Termine


27. April 2026, 18.15 Uhr
Das Geheimnis des Vertrauens

Prof. Dr. Martin Endreß (Trier)

Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 54, Christian-Thomasius-Zimmer


Fragen nach dem Verständnis und den Grundlagen von „Vertrauen“ bilden längst einen zentralen Bestandteil zahlreicher disziplinärer Debatten. Dazu zählen seit einigen Jahren vermehrt auch die Geschichtswissenschaften. Jede historische und auch systematische Analyse des Phänomens „Vertrauen“ scheint von zwei grundlegenden Überlegungen ausgehen zu müssen: Erstens kann Vertrauen im Verhältnis zum Misstrauen nicht einfach als das schlechtweg Gute begriffen werden. Zweitens erweist sich Misstrauen aus diesem Grund auch nicht einfach als das Gegenteil von Vertrauen. Darüber hinaus gilt es den Blick auf aktuellen Fragen nach der Erosion oder gar des Zusammenbruchs von Vertrauen bzw. seines Umschlagens in (durchgreifendes) Misstrauen in Gegenwartsgesellschaften zu richten. Der Vortrag entwickelt angesichts dieser Vielschichtigkeit und Ambivalenz mit Blick auf Fragen nach dem Vertrauen einen Vorschlag zur Ordnung der Phänomene.


12. Mai 2026, 18.15 Uhr
Vertrauen. Lyrik und Briefe von Schriftstellerinnen im 18. Jahrhundert

Prof. Dr. Lore Knapp (Bielefeld / Berlin)

Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 26, Englischer Saal


Schriftstellerinnen des 18. Jahrhunderts wie Anna Louisa Karsch und Johanne Charlotte Unzer dichten Oden und anakreontische Lyrik voller Selbstvertrauen und Lebensfreude. Luise Gottsched besingt ihre glückliche Ehe, Louise Brachmann ihre treue Liebe und Karoline Rudolphi ihr Gottvertrauen. Im Zentrum des Vortrags stehen Zeugnisse weiblicher Haltungen der Zuversicht und Lebensbejahung, einer Poetik der Autonomie. Am Rande geht es jedoch auch um blindes Vertrauen, das von Frauen im 18. Jahrhundert erwartet wurde. An Sophie von La Roches Roman Geschichte des Fräuleins von Sternheim lässt sich beispielsweise ablesen, wie der Herausgeber Christoph Martin Wieland ihr Vertrauen missbraucht hat, um Frauen nachdrücklich und öffentlich in ihre Schranken zu verweisen. Vergleichbare Verhältnisse ergaben sich zwischen Karsch und Mendelssohn oder Unzer und Krüger. Weibliche Zuversicht erscheint damit nicht nur als Ausdruck innerer Stärke, sondern eingebettet in ein Spannungsfeld aus gesellschaftlichen Erwartungen und männlicher Einflussnahme.


9. Juni 2026, 18.15 Uhr
Vertrauen und Misstrauen im europäischen politischen Denken der Frühen Neuzeit

Prof. Dr. Peter Schröder (London)

Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 54, Christian-Thomasius-Zimmer


Vertrauen ist ein fragiles und prekäres Konzept. Das gilt für zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch für die Gestaltung politischer und sozialer Beziehungen innerhalb eines Staates und in besonderem Maße auch für zwischenstaatliche Beziehungen. Sobald jedoch Vertrauen möglich wird, erhält es Interaktionen aufrecht, die andernfalls zusammenbrechen würden. In der Frühen Neuzeit wurde Vertrauen als grundlegend für die Überlegungen zu Staat und Gesellschaft angesehen. Aber welchen konzeptionellen Status hatte Vertrauen? Welche grundsätzlichen Positionen lassen sich in der Diskussion über Vertrauen in der Frühen Neuzeit erkennen? Der Vortrag untersucht die ideengeschichtliche Dimension dieses Fragenkomplexes und wird zwei unterschiedliche Aspekte herausgreifen. Zunächst wird auf die Bedeutung von Vertrauen bei Hobbes und Locke eingegangen, bevor in einem kürzeren zweiten Teil ausblickartig Vertrauen und Misstrauen in den Erörterungen über die zwischenstaatlichen Beziehungen skizziert wird.


16. Juni 2025, 18.15 Uhr
Vertrauen als "Kredit": Evangelische Unternehmer im Spannungsfeld von Mission, Fürsorge, Sozialdisziplinierung und ökonomischem Kalkül

Prof. Dr. Traugott Jähnichen (Bochum)

Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 26, Englischer Saal


Im 19. Jahrhundert gab es eine ganze Reihe evangelischer Unternehmer, von denen viele in den Traditionen des Pietismus und der Erweckungsbewegung verwurzelt waren. Ihr gemeindliches Engagement erwies sich häufig auch als ökonomisch vorteilhaft. Durch den engen Kontakt zu ebenfalls in den Gemeinden aktiven Unternehmern ließen sich einerseits von Vertrauen geprägte wirtschaftliche Verbindungen leichter aufbauen. Andererseits gab es in den Gemeinden auf Arbeitnehmer-Seite eine Reihe von äußerst loyalen Mitarbeitenden. Darüber hinaus sahen es viele dieser Unternehmer als ihre Aufgabe an, den Mitarbeitenden Fürsorgeeinrichtungen, vereinzelt auch eine missionarische Zuwendung, zukommen zu lassen, die teilweise allerdings sozialdisziplinierende Züge trug. Schließlich haben sich einzelne Unternehmer auch gesellschaftspolitisch engagiert, etwa zur Durchsetzung eines arbeitsfreien Sonntags.

Zum Seitenanfang