Verkannte Verwandte? Pietismus und Kabbala
Veranstaltungsreihe im Wintersemester 2026/27
IZP und Seminar für Judaistik und Jüdische Studien
Organisation und wissenschaftliche Leitung: Apl. Prof. Dr. Gerold Necker, Prof. Dr. Friedemann Stengel, Dipl. theol. Nora Blume
Die Veranstaltungsreihe thematisiert die facettenreichen Bezugnahmen, Transformationen oder auch Ablehnungen kabbalistischer Themen in pietistischen oder später dem Pietismus zugerechneten Bewegungen im (langen) 18. Jahrhundert und darüber hinaus. Ziel der Reihe ist es, die Theologie- bzw. Pietismusgeschichte auf ihre Grenzen und Lehrstellen hin zu befragen, insofern kabbalistische Referenzen und Rezeptionen oft ausgespart worden sind. Indem mit einem interdisziplinären Blick auf die Rezeptionen und Berührungen mit (christlicher) Kabbala aufmerksam gemacht wird, soll der Forschungs- und Themenbereich der Pietismusgeschichte produktiv erweitert werden.
Termine
20. Oktober 2026, 18.15 Uhr
Jacob Böhme – Pietist und Kabbalist?
Prof. Dr. em. Wilhelm Schmidt-Biggemann (Berlin)
Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 26, Englischer Saal
3. November 2026, 18.15 Uhr
Lutherische Astrologie und lutherische Kabbala:
Johannes Kepler und Prinzessin Antonia von
Württemberg
Apl. Prof. Dr. Matthias Morgenstern (Tübingen)
Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 24, Seminarraum
Untersucht werden am Beispiel des Astronomen Johannes Kepler (1571–1630), der in den Jahren 1601 bis 1627 Mathematiker und Hofastrologe am kaiserlichen Hof Rudolfs II. in Prag war, das Beziehungsgeflecht zwischen dem sich entwickelnden empirisch-naturwissenschaftlichen Interesse, astrologischen und kabbalistischen Spekulationen und frühpietistischer Frömmigkeit. Kepler, der seine Karriere als evangelischer Theologiestudent am Tübinger evangelischen Stift begonnen hatte, verstand sich selbst als „lutherischen Astrologen“. Er hatte den Anspruch, diese damals noch als Wissenschaft verstandene Disziplin zu reformieren und auf eine neue Grundlage zu stellen. In Prag hatte er jüdische Gesprächspartner wie den Historiker, Astronomen und Geographen David Gans (1541–1613) und in Tübingen theologische Lehrer und Wegbegleiter wie den Theologen Matthias Hafenreffer (1561–1619), den Astronomen Michael Maestlin (1550–1631) und Johann Valentin Andreae (1586–1654). Sie alle entfalteten später im Umkreis der württembergischen Prinzessin Antonia (1613–1679) ihre Wirkung. Aus dem Nachlass der Prinzessin wissen wir, dass sie sich für Keplers Beobachtungen zum Umlauf der Planeten um die Sonne und für die nach ihm benannten Gesetze interessierte. Die von Kepler befürwortete Kalenderreform – der Übergang vom Julianischen zum Gregorianischen Kalender – hat Spuren auf Antonias kabbalistischer Lerntafel hinterlassen, die 1673 in Bad Teinach bei Calw (Nordschwarzwald) aufgestellt wurde. Dieser einzigartige Bilderschrein, der die lutherisch-frühpietistische Frömmigkeit der Prinzessin in der Sprache der jüdischen Mystik zum Ausdruck bringt, ist aber auch sonst „astrologisch“ lesbar.
14. Dezember 2026, 18.15 Uhr
Die entzauberte Kabbala: Johann Peter Späth
zwischen pietistischer Schwärmerei und jüdischer
Observanz
PD Dr. Elke Morlok (Hamburg)
Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 26, Englischer Saal
Johann Peter Späth (um 1640/45–1701), der sich nach seiner Konversion zum Judentum Moses Germanus nannte, zählt zu den spektakulärsten Fällen religiöser Grenzgängerei der Frühen Neuzeit. Seine Konversionsbiographie führte ihn vom Katholizismus über den Pietismus zurück zum Katholizismus und schließlich zum Judentum – eine peregrinatio religiosa, die sich zugleich als geographische Wanderung durch zentrale Schauplätze des frühen Pietismus (Augsburg, Straßburg, Frankfurt am Main, Paderborn, Hamburg, Amsterdam) lesen lässt. Der Vortrag rekonstruiert anhand der bislang nur teilweise ausgewerteten Korrespondenz mit Gottlieb Spizel und Philipp Jacob Spener die entscheidenden Stationen dieser Wandlungen und fragt nach der Rolle, die kabbalistische Lektüren und Diskurse dabei spielten.
Spizel vermittelte Späth zunächst den Zugang zum Protestantismus und in pietistische Netzwerke; Spener nahm ihn wenig später in seine Frankfurter Collegia pietatis auf und begleitete ihn – trotz Rekonversion zum Katholizismus und wachsender Zweifel – mit einer bemerkenswerten seelsorgerlichen Achtung der Gewissensfreiheit. Gerade der Briefwechsel mit beiden zeigt, wie eng in den pietistischen Zirkeln der 1680er Jahre die Faszination für Jakob Böhmes Schriften, chiliastische Naherwartungen im Hinblick auf das Judentum und ein reges Interesse an jüdischer und christlicher Kabbala ineinandergriffen – und wie diese Gemengelage zugleich das Einfallstor für den Vorwurf der lutherischen Orthodoxie bot, pietistisches Schwärmertum führe geradewegs in die Apostasie.
Nach seiner Konversion zum Judentum positionierte sich Späth freilich als einer der schärfsten Kritiker eben jener christlichen Kabbala, in deren Umfeld er sich zuvor bewegt hatte: In seinem Brief an Franciscus Mercurius van Helmont verurteilte er die Kabbala Denudata und den Sulzbacher Sohar-Druck als Verfälschung und „Prostituierung“ jüdischer Weisheit. Der Vortrag zeigt, wie Späth dieser Kritik ein eigenes, an Beschneidung und Gesetzesobservanz gebundenes Verständnis der Kabbala als lebendigem Offenbarungsprozess entgegensetzte – ein Verständnis, das ihn, gegen die Deutungen sowohl seiner ehemaligen pietistischen Förderer als auch späterer Forschung, zu einer paradoxen, kaum klassifizierbaren Figur zwischen den Religionen und Konfessionen macht. Anhand seines Falls lässt sich exemplarisch befragen, wo die Grenzen pietistischer Toleranz gegenüber kabbalistischen und jüdischen Denk- und Lebensformen verliefen und wie eng Pietismus, Orthodoxie und Kabbala-Rezeption im ausgehenden 17. Jahrhundert tatsächlich miteinander verflochten waren.
13. Januar 2027, 18.15 Uhr
Faust als Kabbalist? Pietismus und Kabbala in
Goethes Faust
Prof. Dr. Andreas Kilcher (Zürich)
Ort: Halle, Franckesche Stiftungen, Haus 26, Englischer Saal




